Sie erreichen alle an der Schule Beschäftigten per Telefon und per Telefax über das Sekretariat, per E-Mail über die Mailadresse: Vorname.Nachname@jls-wt.de (setzen Sie den Vor- und Nachnamen des Adressaten ein).

Anfahrt mit Google-Maps

JLS-Lehrkraft im Interview

JLS-Lehrkraft im InterviewCarolin Pasi ist Lehrerin an der Waldshuter Justus-von-Liebig-Schule. Im Interview erklärt sie, warum der Präsenzunterricht auch wichtig für die persönliche Entwicklung der Kinder ist und was Homeschooling für Lehrer bedeutet.

Frau Pasi, die Corona-Pandemie hat zu Schulschließungen und Online-Fernunterricht geführt, hat dies mehr Freizeit für Sie bedeutet?

Nein. Online-Unterricht bedeutet für mich sehr viel mehr Aufwand als Präsenzunterricht. Viele Unterrichtseinheiten müssen an den Online-Unterricht angepasst werden und Arbeitsblätter neu gestaltet werden, damit die Schüler sie auch ohne Erklärungen genau verstehen. Die von den Schülern gemachten Aufgaben müssen korrigiert und mit Rückmeldung zurückgeschickt werden und als Klassenlehrerin muss man immer schauen, dass alle erreicht werden können. Leider erfahren die Schulen oft erst nach der Presse von Schließungen, so dass wir uns oft überrumpelt fühlen. Wir nehmen das mittlerweile hin, aufregen bringt nämlich nichts.

Im Moment sind Ferien, ist da die Situation für Sie etwas entspannter?

Ja, auch wenn es viel zu korrigieren gibt, weil ich, wie viele andere Lehrer, die meisten Klassenarbeiten noch kurz vor dem Weihnachtslockdown habe schreiben lassen. Außerdem habe ich auch in den Ferien Kontakt zu den Schülern. Ich checke meine Schulmails sehr häufig und werde mindestens ein Mal am Tag von einem Schüler, die meine Handynummer haben, angerufen. Für viele Schüler sind wir Lehrkräfte in diesen Zeiten – egal ob Ferien oder nicht – ein Fixpunkt, jemand, an den sie sich wenden können, wenn sie Antworten brauchen oder Zuspruch. Und ich denke, an anderen Schulen, wo die Schüler noch jünger sind, ist das noch sehr viel stärker ausgeprägt.

Ist diese unruhige Zeit für Schulen auch eine Chance, neue Wege zu gehen?

Als Lehrer lernt man nie aus – meiner Meinung nach trifft das auf diesen Beruf zu wie auf fast keinen anderen. Corona hat viele Prozesse, wie die Digitalisierung, die Bereitstellung von Endgeräten und den WLAN-Ausbau an den Schulen beschleunigt. An der Justus-von-Liebig-Schule haben wir zum Glück schon vor Corona Tablets für Lehrer angeschafft und die meisten haben diese auch im Unterricht genutzt, wenn auch sehr niederschwellig, ich zum Beispiel für Powerpoints und Videos. Während des ersten Lockdowns haben wir digitale Plattformen ausprobiert. In internen Schulungen wurde uns erklärt, wie wir sie nutzen können. Dennoch ist vieles einfach learning by doing und vor allem selbstständig oder über die Schulleitung organisiert, verbunden mit Mehraufwand für die Lehrer, die sowieso schon viel machen.

Kam die vorgezogene Schließung der Schulen vor den Weihnachtsferien für Sie unerwartet und hatten Sie auch Coronafälle an Ihrer Schule?

Die Schließung kam für mich nicht wirklich unerwartet. Im Frühjahr wäre vielleicht noch eher sicherer Präsenzunterricht möglich gewesen als jetzt im Winter. Auch an unserer Schule gab es in der Schülerschaft und im Kollegium Corona-Fälle. Wir halten uns an die geltenden Hygienemaßnahmen, haben Aufsichten, die kontrollieren, ob die Schüler ihre Masken tragen, aber alle im Auge behalten kann man nicht.

Wie gut funktioniert Ihren Erfahrungen nach Online-Fernunterricht?

Es gibt keinen Fernunterricht, der alle Schüler erreicht. Teilweise haben Schüler und auch Lehrer nicht die nötigen Endgeräte zu Hause wie Tablets, Webcams, Scanner. 150 Tablets wurden im Dezember mit achtmonatiger Verspätung geliefert, unsere Schule hat aber 750 Schüler und nicht jede Familie kann jedem Kind einen eigenen Computer zur Verfügung stellen. Und auf den Dörfern – von dort kommen die meisten unserer Schüler – ist die Internetverbindung oft katastrophal. Hinzu kommt, dass Fernunterricht Eigenverantwortung erfordert. Es ist für die Schüler sehr einfach, sich zurückzunehmen, zwar online zu sein, aber nicht zu antworten. Das wichtigste für einigermaßen guten Fernunterricht sind die Lehrkräfte. Sie müssen motiviert sein, den Stoff irgendwie rüberbringen, Druck machen, dass die Aufgaben auch gemacht werden, aber nicht zu viel, denn die Schüler sind im Corona-Dauerstress – was auch für uns Lehrer gilt: Wer sich Zeit für die Probleme der Schüler nimmt, den Unterricht gut vorbereitet, die Aufgaben korrigiert und ab und zu nachfragt, wie es denn so geht, der hat momentan eigentlich kein Privatleben mehr.

Hat den Schülern und Ihnen der Präsenzunterricht gefehlt?

Ja, mir hat er gefehlt. Ich brauche die Schüler im Klassenraum, damit für alle Seiten der Unterricht spannend und interessant ist. Auch von den Schülern habe ich gehört – wenn sie zum Beispiel in Quarantäne waren – dass ihnen der Unterricht im Schulhaus gefehlt hat. Es ist was ganz anderes, wenn man einfach mal schnell den Nachbarn nach einer Erklärung fragen oder in der Pause miteinander Quatsch machen kann. Ich denke, vor allem der erste Lockdown hat vielen Schülern gezeigt, dass Schule doch eben ziemlich cool ist – und wenn auch nur, um seine Freunde regelmäßig zu sehen, live und in echt.

Es kursiert der Ausdruck „verlorene Generation“ – ist der in Ihren Augen berechtigt?

Die Schüler haben mehr Sorgen als noch vor einem Jahr. Von ihnen geliebte Menschen gelten plötzlich als Risikopatienten, die an Corona sterben könnten. Auch schulisch haben sie Ängste. Ich höre von Schülern, dass sie Angst haben, das Abitur nicht zu schaffen, da so viel auf der Strecke geblieben ist. Man kann zwar viel alleine lernen, aber das Lernen in der Gruppe, das Lernen mit einer Person, die Ahnung vom Fach hat, das kann man nicht einfach so in den Online-Unterricht legen. Ich denke, die Sorgen der Schüler sind berechtigt. Wenn ich mir anschaue, was ich für 90 Minuten Online-Unterricht geplant habe und wie weit wir kommen, dann sehe ich da ein riesiges Defizit. Das liegt manchmal einfach nur daran, dass die Verbindung schlecht ist, Arbeitsblätter nicht heruntergeladen werden können, oder das Mikro streikt. Das sind alles Dinge, mit denen man sich im Präsenzunterricht nicht herumschlagen muss. Besonders Schüler, die jetzt schon den zweiten Lockdown in den Klassen 12 und 13 erleben, haben Lücken. Der Ausdruck „verlorene Generation“ ist deshalb meines Erachtens berechtigt – nicht nur schulisch.

Was meinen Sie konkret mit „nicht nur schulisch“?

Ohne Präsenzunterricht entgeht Kindern und Jugendlichen ganz viel, was wir als Heranwachsende gemacht und für selbstverständlich gehalten haben. Schule ist ein Ort der Begegnung, in den Klassen entwickelt sich ein Gemeinschaftsgefühl und in der Schulzeit werden die wichtigsten Freundschaften geschlossen. Für eine meiner Klassen ist zum Beispiel das Hüttenwochenende zum Kennenlernen ausgefallen, für andere fanden Studienfahrten nicht statt. Aber sind das nicht gerade die Momente in einer Schullaufbahn, an die man sich später erinnert? Meine letzte 13er Klasse konnte keinen Abiball feiern, 13 Jahre Schule verpufften einfach im Nichts: Ein Zeugnis, kein Händedruck, fertig. Das ist wirklich schade für die Schüler.

Hat sich Ihrer Ansicht nach durch Corona der Blick auf Schule verändert?

Schule ist und bleibt ein wichtiger Mittelpunkt für Kinder und Jugendliche und alle, die sich weiterbilden oder eine andere Richtung einschlagen möchten. Präsenzunterricht bleibt für mich die beste Art, Unterricht zu machen, um Stoff zu vermitteln und vor allem, die Lust am Lernen zu wecken. Ich denke, wir müssen den Schülerinnen und Schülern dabei helfen, ihre Selbstständigkeit im eigenen Leben, im Umgang mit Informationen und Entscheidungen zu entwickeln. Diese Pandemie hat mir aber auch gezeigt, wie wichtig es ist, Schülern Halt zu geben in einer Welt, die sich schneller verändert als jemals zuvor. Viele bekommen diesen Halt in der Schule und wenn es nur eine Person ist, der sie vertrauen können und die versucht, ihre Fragen zu beantworten. Schule bedeutet neben der Vermittlung von Wissen und Kompetenzen eben auch Beziehungsarbeit, und zwar in allen Schularten. Ob eine Fokussierung auf die digitale Entwicklung der Schule da der richtige Weg ist, weiß ich nicht. Ich denke, Corona zeigt uns, was alles möglich ist – Fernunterricht, Lernplattformen, digitale Aufgaben und einiges mehr. Ob wir alles behalten sollen, bezweifle ich.

Glauben Sie, dass ab 11.Januar wieder Präsenzunterricht sein wird?

Ich würde es begrüßen, wenn es zumindest für alle Klassen, die dieses Schuljahr eine Prüfung ablegen, wieder Präsenzunterricht geben wird, bezweifle es aber. Ich denke, eine mögliche Lösung wäre der Unterricht in Halbklassen, aber ich weiß, was für ein enormer Aufwand dahintersteckt. Dass wir dieses Schuljahr noch irgendwie „normal“ beenden, glaube ich nicht, aber ich hoffe, dass wir im September 2021 wieder wie gewohnt ins Schuljahr starten und den Schülern den Ort zum Lernen bieten können, den sie brauchen.

Quelle: Südkurier vom 4. Januar 2021


Fachabteilung Pflege